ICH BIN REFLEKTIV

Schon in einem der ersten Sätze, den wir von ihr hören sagt sie, sie sei „reflektiv“. Ein eigentlich technischer Begriff. Eigentlich. Doch Dr. Babett Gutsmuths lässt damit so viel mehr erkennen. In einer Zeit in der Schnelllebigkeit, Hast, Ego zu dominieren scheinen, und weniger die Wahrnehmung des Gegenübers, das Zuhören, das echte Interesse am anderen, bekennt sie reflektiv zu sein. Der Duden sagt, reflektiv sei, das Umgebungslicht als Lichtquelle zu nutzen. Was für ein starkes, vielsagendes Bild.

 

Wie hat es diese Frau geschafft, in einer tradierten Männerwelt, in einer technischen Welt, sich Auge und Ohr für den Anderen nicht nur zu bewahren, sondern daraus die Quelle des eigenen Erfolges als Managerin für eine bekannte deutsche Marke in Nahost zu kreieren? Dem deutschen Journalisten in den Emiraten möge diese – in Deutschland vielleicht - anachronistisch anmutende Überlegung gestattet sein.

 

Wir werden es bald erfahren. Classy Dubai trifft sich mit ihr nicht im klimatisierten Büro in Dubai. Der Ort unseres Gespräches spricht für sie: Die Fine Art Ausstellung in Ras Al Khaimah. Diese Wahl offenbart den erwähnten, ihr eigenen offenen, unorthodoxen Stil, den sie Reflexion nennen würde.

 

Bevor wir uns ihrer Gegenwart als Manager bei einer sehr bekannten deutschen Marke zuwenden interessiert uns: Woher kommt diese Frau? Aufgewachsen ist sie in einem gutbürgerlichen Haushalt in Potsdam, der Stadt Friedrich des Großen, einem Anhänger der Aufklärung und Reformator des preußischen Staates. Unter DDR-Bedingungen christlich (erzogen) aufzuwachsen, lehrte sie schon als Kind, nachzudenken über die Verhältnisse; und damit umzugehen, nicht immer „konform“ zu sein. Keine einfachen Umstände. Aber wohl der Grundstein für ihre heutige Resilienz; erschütterungsfest Herausforderungen als Anlass für Entwicklungen zu verstehen. „Es hat mich geprägt auch dann durchzuhalten, wenn es nicht einfach ist und zu artikulieren, was ich erwarte.“

 

Ebenso früh denkt sie über ihre Lebensplanung nach. Was will sie werden? In der engeren Wahl: Apothekerin, Schauspielerin oder Pfarrerin. Schauspieler und Pfarrer haben allerdings einen Rhythmus der eine größere Herausforderung an das Familienleben stellt. Sie stehen quasi immer dann auf der „Bühne“, wenn die Familie zusammen ist.

 

Babett studiert also nach dem Gymnasium Pharmazie. Ihre Weltanschauung kommt von „Welt anschauen“ und so geht sie Ende der 90er Jahre für einige Zeit an das Forschungslabor einer der bekanntesten Universitäten der USA. Zurück in Deutschland lernt sie das Leben der Apotheken kennen und das „Anschauen“ hört nicht auf – und ihre Neugier, ihr Drang nach Erkenntnis. Weil ihr scheint, die endlosen Versuchsreihen für ihre Doktorarbeit verbrauchen unnötig viel Zeit, optimiert sie die Versuchsreihen und kann sie schneller beenden. Schon 2004 promoviert sie auf dem Gebiet der pharmazeutischen Technologie und entdeckt, wie das Arbeiten im großen Rahmen, in der Industrie, sie am meisten begeistert. Bald leitet sie bereits das Qualitätsmanagement und später einen ganzen Produktionsbereich eines Kosmetikherstellers.

 

Diese Positionen sind ihr nicht in den Schoß gefallen. Doch sie ist hochgebildet, originell, entschlossen und unkonventionell. Einmal überzeugt die junge Frau ohne alle Führungserfahrung – wenn man von der in einer Kleinstadtapotheke absieht - die Manager von ihrer Leitungsfähigkeit mittels der Geschichte, wie sie ein ganzes Dorf auf die Beine brachte, um gegen alle Widerstände einen Kinderspielplatz aus dem Boden zu stampfen. Vielleicht wird ihr erst dort dieses Talent bewusst und welche Freude es ihr bereitet, Menschen und Organisationen zu entwickeln.

Und natürlich fällt auch ihr das Managen menschlich nicht immer leicht. Gerade wenn es gleich in ihrer jungen Karriere bedeutet, die in der Komfortzone einer übernommenen Belegschaft die gewachsenen Routinen aufzubrechen. Eine Optimierung von Arbeitsabläufen und der damit verbundenen Organisation begrüßen die Betroffenen anfangs nicht mit eitel Freude. Mit der Ablehnung muss sie umgehen und sie kann. Doch sie analysiert, überzeugt und setzt sich durch. Konventionen in Frage zu stellen und den Teams neue Wege zu zeigen, ist Teil ihres Führungsansatzes. Der Erfolg gab ihr Recht. Der Qualitäts-Score des Werkes stieg von 59 auf 90, einem der besten im Unternehmen. Sie reflektiert halt. Oder wie sie es ausdrückt. -“Ich liebe es die Menschen in meiner Umgebung zu inspirieren, über sich hinauszuwachsen“

 

Inzwischen hat sie „plangemäß“ zwei Kinder und sagt sich „Bevor ich 40 werde, möchte ich auch beruflich noch was Neues auf die Beine stellen.“ Das tut sie mit 39, als der Ruf aus Dubai kommt.

Wie kam es dazu? „Sehr unspektakulär. Ich habe eine Chance genutzt, mich auf eine interne Ausschreibung beworben, das Regionale Quality Management für die Region Naher Osten aufzubauen und zu steuern. Der Nahe Osten hat mich schon immer fasziniert. Ich dachte da immer an 1001 Nacht. Das fand ich immer spannend. Ehrlich gesagt hatte ich auch nie Furcht in diesen Teil der Welt zu gehen. Mich hat dabei die Aufgabe gereizt, nicht Dubai. Ich hatte anfangs gar keinen Bezug zur Stadt. Sie war nie auf meiner privaten Reiseliste, zu 'künstlich'. Aber jede Stadt lebt stets durch die Menschen, die in ihr zu Hause sind …“

 

Keine Frage, das ist ein Quantensprung in vielerlei Hinsicht. Wie beeinflusst einen der Arbeits- und der Lifestyle a la Dubai, die Karriere und die Persönlichkeit? Babett sammelt in den Emiraten schnell unerwartete Erfahrungen in einer so “agilen, volatilen Region“, wie sie es nennt.  Ich habe festgestellt, dass sich der Focus geschwind darauf verschiebt, wie man bestimmte Situationen beeinflussen und Herausforderungen lösen kann und zwar sehr schnell. Hier wirst du zum ‚Business Developer‘ und bist nicht in deiner Funktion ‚gefangen‘. Das ist super bereichernd, für das Unternehmen und für dich. Ich schätze hier die unglaubliche Vielfalt von Kulturen und Glaubensrichtungen auf so kleinen Raum. Es ist aus meiner Sicht hier auch einfacher, eine Beziehung mit anderen Menschen aufzubauen. Fast alle sind in einer ähnlichen Situation: Weit weg von zu Hause und ohne die Familie gehen sie ihren Erfolgsweg. Andererseits lernst du in diesem weltweit einmaligen Fluidum damit zu leben, dass immer wieder liebgewonnene Menschen gehen und neue kommen. Eine Schule des Lebens und fürs Leben. Besonders auch für meine Kinder war es ein bereichernder Schritt hierher zu kommen. Es ist für sie völlig normal, Freunde aus ganz anderen Kulturen zu haben. In dieser Gesellschaft, die geprägt ist von Kommen und Gehen lernen sie, permanente Veränderung als das Normale zu betrachten. Sie entdecken, wie viele unterschiedliche Wege es gibt, sein Leben zu gestalten und nicht eben nur den, den wir in unserer Kultur „lernen“.

Ob Dubai bei der Karriere hilft, frage ich. „Absolut.“ Mit diesem Schritt - besser Sprung – sammelt sie Erfahrungen, wie in ihrem Fach und generell das Business mit unterschiedlichsten Nationen funktioniert. In Dubai arbeitet ja buchstäblich jede Nation der Welt – und deren Geschäftsleute. Und nicht zuletzt ist die Zeit in den Emiraten ein Punkt in der Vita, der nicht hoch genug geschätzt werden kann: Es gibt nur wenige so erfolgreiche, versierte Manager wie sie; mit dieser Auslandserfahrung, Kultur- und Sprachkenntnissen, die in unserer zusammenrückenden und komplexeren Welt so wichtig geworden sind. Dabei reicht der Aktionsradius von Babett Gutsmuths auch geografisch deutlich weiter als wir uns vorstellten. Sie verantwortet neben dem Nahen Osten in kulturell so unterschiedlichen Regionen wie Indien und Afrika beispielsweise oder der Türkei und den GUS-Staaten, das Qualitätsmanagement einer Kosmetik-Weltmarke; vom Sourcing über die Produktion bis zum Markt und Feedback vom Konsumenten. Gerade in schnell wachsenden Regionen ist es essentiell von Anfang an den richtigen Qualitäts-Fokus zu setzen um anhaltend erfolgreich zu sein. Das ist nachhaltiges Business Development. 

 

Noch ihr -“Ich liebe es die Menschen in meiner Umgebung zu inspirieren, über sich hinauszuwachsen“ im Ohr, fragen wir nach ihrem Rezept für den Umgang mit Menschen aus und in unterschiedlichen Kulturen. „Wichtig ist, jeden einzelnen Mitarbeiter als Mensch mit individuellen Stärken und Bedürfnissen zu sehen. Diese zu erkennen, zu fördern bzw. zu bedienen ist in meinen Augen Aufgabe einer Führungskraft. Das gilt universell ohne Unterschied hinsichtlich der Kulturen.

Ich denke, es ist extrem wichtig, positiv und offen auf jeden Menschen zuzugehen und sich immer wieder selbst daran zu erinnern. Gerade wenn es einem schwer fällt, durch unterschiedliches Verständnis der Themen. Mein 'Standard', meine 'Sprache' sind vielleicht nicht die meines Gegenübers. Finde den Weg auf dem beide – die gemeinsame Aufgabe im Fokus - gehen können. Das ist nachhaltiger als Anweisungen zu geben und zu warten, was passiert.“

Sie legt den Finger auf jeden neuralgischen Punkt. Auch in einer Fabrik, die sie neu betritt, in einer Männerwelt, lässt Babett sich nicht mit orientalisch weitschweifigen Geschichten hinhalten. Sie findet das Problem und beharrt bis sie die Antwort bekommt. Die Fach-Frau inspiziert selber Anlagen, Räume, Leitungen. Wer ihr Wissen und ihre Erfahrung hat, kann genau die zielführenden Fragen stellen. Und Sie bleibt damit nicht im Konferenzraum; sie fragt dort wo die heiße Luft flimmert und doch die präzise Temperatur für deutsche Qualitäts-Kosmetik herrschen muss, egal ob in Indien, Afrika oder hier in Dubai. Sicherlich erscheint das manchem ungewohnt bis unangenehm, doch so erlangt sie Respekt. 

 

Die Arbeitskultur im Orient, in Afrika unterscheidet sich nun mal von der in Indien oder Europa oder anderswo. Doch sie lässt sich gemeinsam entwickeln und darauf kannst du aufbauen. Ich hatte das Glück, ein Team mitzuentwickeln, das sich über Tausende von Kilometern unterstützt und gar private Beziehungen aufgebaut hat. Das wiederum fördert die verständnisvolle Kommunikation im Arbeitsleben. Klare Kommunikation ist der Schlüssel. Wirklich zuhören, wirklich verstehen wollen, deutlich seine Aufgaben formulieren.“ 

 

Dr. Babett Gutsmuths – Das Interview

 

Manchmal hat man den Eindruck eine beachtliche Anzahl an Menschen plant einen Urlaub sorgfältiger als ihr Leben. Arbeiten, Erfolg haben, Führen in unserer schnelllebigen, globalen und digitalen Epoche … worauf sollte man sich besinnen?

Jeder darf und sollte sich darauf konzentrieren, welche Talente er mit auf diese Welt bringt und versuchen zu verstehen, wie er damit seinen Beitrag für alle leisten kann.

Sei ein „Menschenfreund“.

Ganz wichtig aus meiner Sicht: Seinen eigenen Wert zu erkennen und von dieser Position selbstbewusst Unterschiede als Chance und Bereicherung zu verstehen, nicht als Bedrohung.

Habe den Mut zur Vision. Ohne Ziel kannst du deine Kraft nicht fokussieren. Formuliere das Ziel, doch rechne damit, dich oder das Ziel zu ändern, wenn du merkst, das passt nicht mehr. Bleib verbunden mit dir selbst und prüfe regelmäßig „Ist das noch mein Leben?“. Finde deine Kraftquelle und nutze sie.

Reflektiere. Kultiviere eine Feedbackkultur. Beobachte wie du ankommst, was funktioniert. So lernst du, ehrlich förderliche Rückmeldungen von denen zu unterscheiden, die dich manipulieren sollen. Mit Glück findest du beizeiten einen Mentor im Arbeitsleben. Suche ihn. Suche die Nähe, den Rat der Erfolgreichen.

Als Führungskraft: liebe deine Mitarbeiter. Formuliere klare Ziele und analysiere die Ergebnisse. Lass deine Mitarbeiter Wachsen. Zeige ihnen ihren Anteil am Erfolg. Sei erreichbar für sie. Habe ein offenes Ohr, höre zu. Du kannst nicht alles lösen, aber du kannst lernen. Sei Mensch.

 

Jeder hat seine Rolle im Leben, welche ist Ihre?

Ha, gar nicht so einfach. Ich habe mehrere Rollen – Mutter, Tochter, Führungskraft, Kollegin, Freundin…

Ich sehe mich als Teil eines Ganzen, eines „big puzzle“, mit dem Sinn, meine Talente zu nutzen und die Menschen meines Umfeldes zu inspirieren und zu fördern. Mit meinem Beispiel will ich auch gerade junge Frauen ermutigen, ihren professionellen Weg selbstbewusst zu gehen – egal wo auch immer ich bin, in Europa, hier im Nahen Osten, Indien oder Afrika. Auch das Vertrauen in eine höhere Kraft zu vermitteln, die uns auf diese Welt „geschickt“ hat, unsere Talente zu erkennen und diese zu entwickeln und nicht Angst über uns „herrschen“ zu lassen. Das ist unmöglich ein Alleingang. Ich sehe es als unsere gemeinsame Bestimmung all unsere erlangten Erkenntnisse mit denen zu teilen, die damit weiterarbeiten können.

 

Was ist Ihr Rezept für die persönliche Entwicklung?

Habe einen Plan. Sei entschlossen, aber nicht rigide. Geh raus in die Welt und entdecke andere Kulturen. Dort entwickelst du deinen eigenen Stil. Bleib dir treu und achte, respektiere, liebe die Menschen. Du musst ja nicht alles lieben was sie machen. Balanciere wirklich die Zeit für Business und Familie aus. Plane Zeit für dich – für Sport und Meditation/Reflexion.

 

Welche Tipps können Sie den Lesern geben, die in Dubai Karriere machen möchten ?

Sei offen für andere Kulturen und „nutze“ die Unterschiede als Erfahrungsquelle. Akzeptiere: Manches geht schneller, andere Dinge langsamer als gewohnt. Bilde schnell ein Netzwerk und halte konstant Kontakt.

Genieße zum Ausgleich die Schönheiten des Landes. Laufen am Strand, einen der umwerfenden Spa’s, die Wüste, verschiedenen Cuisines, Künste.

 

Was inspiriert Sie?

Das Leben der verschiedenen Kulturen. Zu sehen, wie unterschiedlich Dinge angegangen werden. Es öffnet meinen Horizont. Wenn jemand sagt: „Think out of the box, I say there is no box.“ (Wenn jemand sagt: Denke außerhalb der Box, sage ich, da ist keine Box.) Das ist nicht von mir, es beschreibt aber meine Herangehensweise. Gespräche mit interessanten Menschen zu unterschiedlichsten Themen – auch abseits des Business - sind für mich eine Quelle der Inspiration.

 

Gibt es ein Lebensmotto der Babett Gutsmuths?

Mein Lebensmotto: Werde die beste Version deines Selbst für andere und für dich.

Mein Führungsmotto: „Empower & Develop“: Versetze das Team in die Lage, eigenständig zu arbeiten und zu entscheiden.

 

Impressionen von der Fine Art Ausstellung  - der Al Qasimi Foundation - in Ras Al Khaimah

Photos: (c) Paule Knete

Unser langer Gedankenaustausch und unsere Foto-Wanderung durch die Open Air Kunst sind vorüber. Wir haben noch Stoff für Dutzende aufregende Gespräche. Classy Dubai wird den Weg der Dr. Babett Gutsmuths weiter begleiten und – reflektieren.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

Photos Artikel: (c) Paule Knete

 

Update 19.05.2019 

Dr. Babett Gutsmuths Gewinnerin des Emirates Business Awards 2019

 

Gulf Today

UAE Business