SEBASTIAN FITZEK - ER IST DER BÖSENICHT

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Einer der Höhepunkte den uns das Emirates Literatur Festival in Dubai bescherte war das Zusammentreffen dreier internationaler Größen des Thriller–Genres: Chris CarterAlexander McNabb und Sebastian Fitzek.

Wir trafen uns mit Sebastian Fitzek - den deutschen Psycho-Thriller-Autor Nr. 1 - dessen Bücher in 24 Sprachen erschienen sind und zu Millionen gekauft werden.

 

Wir haben lange nicht so gelacht wie just während der Podiumsdiskussion der Spezialisten für das abgrundtief Böse. Wahrscheinlich gehört es für die Schöpfer zum Umgang mit ihrem erdichteten Horror, denselben und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Und noch etwas fällt auf: Die erfolgreichen Autoren haben einen neidlosen, freundschaftlichen Umgang miteinander. 

 

Als Fitzek über sein Buch „Passagier 23“ spricht (Er dürfte inzwischen schätzungsweise um die 500.000 davon verkauft haben.) hält sich Chris Carter die Ohren zu, weil er sich die Spannung nicht nehmen lassen will. „Ich habe es noch nicht gelesen, aber ich werde es.“ Das nimmt man dem tätowierten Bestsellerautor, Kriminalpsychologen und Rockmusiker ab.

 

Schwierig, eine Frage zu stellen, die Sie noch nicht gehört haben…

Kein Problem. Die Leser interessiert ja nun mal etwas ganz Bestimmtes.

 

Beginnen wir mit einer Expat-Frage. Würden Sie für ein Buch lang oder ganz im Ausland leben?

Ja, das könnte ich mir vorstellen; aber es hat sich bisher noch nicht ergeben. Der Familie und der Kindern wegen war das bisher nicht möglich.

 

Schaut man sich in der Generation Smartphone um, scheint es, es werde kaum noch gelesen. Lohnt sich die Mühe des Schreibens heute überhaupt noch? 

Aber auf jeden Fall! Zum einen habe ich nicht den Eindruck, dass weniger gelesen wird. Ich glaube, dass sehr viele Menschen nach wie vor zum Buch greifen. Und zum anderen kann ein Schriftsteller gar nicht anders. Er schreibt ja zunächst für sich. Wenn dann seine Phantasie, seine Gedanken für andere interessant und lesenswert sind, umso besser.

 

Sie schreiben vor allem über „das Böse“. Woher kommt die Faszination des Lesers, sich im heimeligen Lesesessel mit dem Gräuel zu befassen, wenn der Tag schon voller Probleme war? 

Ja, so paradox es klingt, das Böse soll unterhalten. Die Menschen mögen es, davon zu lesen und sich dahin zurückzuziehen. Sie wollen zunächst ihre Ängste artikuliert sehen in einem Buch – und diese Ängste abbauen. Nach dem Lesen stellen Sie das Entsetzen mit dem Buch zurück ins Regal; sie brauchten einen Ableiter.

 

Gab es einen Anlass für Sie, einen Trigger, Schriftsteller zu werden der sich mit dem Thrill beschäftigt, der die grauenvollen Seiten des Lebens beschreibt?

Es gab dafür keinen Plan. Das passierte eher spontan. Ich musste einmal lange im Warteraum eines Arztes ausharren und auf meine Frau warten. Und so stellte mir vor, was geschehen würde, wenn sie jetzt nicht wiederkäme aus diesem Arztzimmer und wenn die Leute, die mit mir im Wartezimmer saßen, sagen würden: „Auf welche Frau warten Sie? Hier war keine Frau!“ Diesen Faden spann ich fort und daraus entstand mein erstes Buch "Die Therapie".

 

Doch abgesehen vom Anlass. Mich hat das Thema des Umgangs, des Fertigwerdens mit dem Bösen interessiert. Vielleicht weil mein Vater Geschichtslehrer war, ging es mir zum Beispiel darum, zu verstehen was im Nationalsozialismus mit dem Menschen geschah; warum die Menschen das Grauen mitgemacht haben, warum sie in der Masse nicht widerstanden haben. 

 

Gibt es darauf eine Antwort?

Nicht eine und keine erschöpfende. Ich denke, es hat jedoch einiges damit zu tun, dass der Mensch ein Meister im Verdrängen ist. Wie würden wir sonst fertig werden damit? Wir können doch beispielsweise nicht immerzu daran denken, dass wir sterben werden. Die Menschen könnten vor Kummer nichts Anderes mehr tun. Sie würden verrückt.

 

Der SPIEGEL schrieb einst, Sie seien „einer der handwerklich zuverlässigsten Thriller-Autoren in Deutschland ... und einer der brutalsten... “ Wie kann man sich in Täter hineindenken? 

Die Menschen machen sich oft falsche Vorstellungen vom Bösen. Viele Gefängnisdirektoren würden Ihnen sagen, dass sie 90% der Mörder entlassen könnten, denn sie sind nicht mehr gefährlich. Sie sind in Ausnahmesituationen zum Mörder geworden. Im Gegensatz dazu sind Gewalttäter, die keine Mörder sind und doch eine Gewaltgeschichte, eine Neigung zur Gewalt haben, weitaus gefährlicher, weil dort die Brutalität imminent ist. Der Mord an sich ist also langweilig. Als Täter kommt nur ein bestimmter motivierter Personenkreis in Betracht, die Aufklärungsrate ist hoch. Der Vorgang ist ergo nicht so „attraktiv“ für die Darstellung. Selbst Serienkiller haben ein Muster, das sich analysieren lässt. Doch die unmotivierte, nicht überlegte, lauernde Gewalttätigkeit ist das oft unfassbar brutale Phänomen. Der Schriftsteller mildert eigentlich die Brutalität der Gräueltaten die da draußen passieren eher noch ab und macht sie ertragbar und unternimmt den Versuch, die Wurzel zu erklären.

 

Besagter Erstling „Die Therapie“ wurde schnell ein Bestseller… 

Eher nicht. Auch ich habe erlebt, wie ein Verlag nach dem anderen abgelehnt hat – über Jahre. Bis Knaur das Buch heraus brachte. Bei Amazon lag ich plötzlich auf Platz 1, vor Dan Browns „Sagrileg“ und all den großen Namen. Irgendwann fragte Amazon Großbritannien bei Amazon Deutschland an: „Who the f… is Fitzek?“ Das zeigt eins: Wie schnell sich der Erfolg einstellt, das kann man nicht vollständig steuern. Du kannst nur an dich glauben und weitermachen.

 

Kommen wir nochmal zurück auf das Böse: Hat Ihre Frau manchmal Angst vor Ihnen, wenn sie gerade in der Schreibphase sind? 

Ich bin beim Schreiben nicht abwesend und es verändert eigentlich auch nicht die Persönlichkeit, aber man ist in einer kreativen Phase. Man ist fokussiert und nimmt seine Umgebung manchmal nicht wahr. Übrigens schaut meine Frau mit großem Interesse Thriller, die ich mir niemals anschauen würde, wie zum Beispiel An American Crime. Also müsste sich die Frage eigentlich anders herum stellen, ob ich nicht manchmal Angst vor meiner Frau haben sollte :)

 

Danke für die Zeit für Classy Dubai. Haben Sie noch Zeit sich mehr von Dubai anzuschauen? 

Morgen geht es zurück mit dem Flieger nach Deutschland. Hoffentlich bin ich nicht Passagier 23.

 

Mehr Informationen 

www.sebastianfitzek.de



Interview und Fotos: Paule Knete