Buchauszug aus „Alexander Rüdiger VOLLerLEBEN – Keine Zeit zum Verlieren“

Das Flugzeug nach Oslo hob ab. Ich hatte Schmerzen, war sehr aufgeregt und wusste im Grunde nicht, ob es eine gute Idee war, mich in diesem Zustand ins ewige Eis zu begeben. Aber nun war es entschieden, und ich wartete geduldig auf das, was kommen mochte. Nach einer Nacht im Flughafenhotel der norwegischen Stadt Oslo ging es in der Früh mit dem Flugzeug weiter nach Spitzbergen (norwegisch: Svalbard, zu Deutsch „Kühle Küste“), einer Inselgruppe weit nördlich des Polarkreises. Wir landeten in Longyearbyen, dem Hauptort der größten Insel, die übrigens ebenfalls Spitzbergen heißt und ungefähr 1000 Kilometer südlich des Nordpols gelegen ist. Schon im Flugzeug bewegte mich der Ausblick auf die Landschaft zutiefst. Überall nur Schnee und Eis, dazu hoch aufragende Gebirge, zwischen die sich kleine Siedlungen bunter Holzhäuser kauerten und zerklüftete Fjorde munter ins Landesinnere drängten. Eine fremde, entfernte, abgeschlossene Welt, die jeden Besucher unmittelbar in ihren Bann zog. Wunderschön war es hier, aber auch – wie ich nach dem Aussteigen bemerken musste – wirklich kalt. Auf dem Weg ins Radisson Blu Polar Hotel Spitsbergen wären mir beim Verladen der Koffer, beinahe Finger und Wangen eingefroren. Eigentlich ist es ein Wunder, dass man in dieser unwirtlichen Umgebung ein normales Leben einrichten kann. Aber hier wie überall auf der Erde hat der Mensch über Jahrhunderte hinweg gelernt, gegen die Natur zu bestehen. Diese andere Welt hier heroben war faszinierend: Auf den Straßen fuhren keine Autos, sondern Snowmobile, vorne die Eltern und hinten, in eigenen Anhängern, die Kinder. Und die Menschen auf den Straßen führten auf dem Weg zum Supermarkt neben ihren Einkaufstaschen und Kinderwägen immer auch Gewehre mit sich – ein etwas verwirrender Anblick. Aber Waffen sind dort notwendig, weil man in Spitzbergen zu jeder Zeit einen Eisbären treffen kann – eine Begegnung, die tödlich endet, sofern der Eisbär hungrig und der Mensch unbewaffnet sein sollte. Longyearbyen ist daher auch der einzige Ort der Welt, an dem es das offizielle Verkehrsschild „Warnung vor dem Eisbären“ gibt. Besonders achtsam muss man angeblich in der Dunkelheit sein. Aber Gott sei Dank begann zu jener Zeit, als ich da war, gerade die Mitternachtssonne, also jene vier Monate umfassende Zeit, in der die Sonne gar nicht mehr unterging. Übrigens trägt natürlich auch dieses Phänomen zur großen Faszination der Insel bei – und ich spreche von der Mitternachtssonne, nicht von der Möglichkeit, Eisbärfutter zu werden!

 

Ganz nebenbei lernte ich eine weitere Besonderheit von Spitzbergen kennen. Hier befindet sich seit 2008 der „Svalbard Global Seed Vault“, der „weltweite Saatgut-Tresor Spitzbergen“, eine tiefgekühlte Schatzkammer für die Kulturpflanzen der Menschheit. In 130 Meter Höhe, verborgen hinter einer unscheinbaren Türe in einem wuchtigen Zement-Portal, liegen, tief in den Berg gegraben, drei große Hallen. Wo früher Braun- und Steinkohle abgebaut wurde, lagern heute in einem eisigen Berg knapp 865.000 Samenproben von Mais, Reis, Weizen und anderen Nutzpflanzen. Beispielsweise stammen allein aus den Philippinen mehr als 70.000 verschiedene Reis-Proben. In Plastikboxen verpackt, geschützt vor Erdbeben, saurem Regen, ansteigendem Meeresspiegel und radioaktiver Strahlung, sollen die Samen nach einem Katastrophenfall (Kriege, Klimawandel, Naturkatastrophen) helfen, die Erde wieder zu kultivieren. Mit anderen Worten: Dieser wichtigste Kühlschrank der Welt ist dafür gedacht, die Vielfalt an Saatgut zu bewahren und verfügbar zu halten, um die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen. Eine Arche Noah für Pflanzen. Gekühlt auf minus 18 Grad, kann das eingelagerte Saatgut hier bis zu 1000 Jahre frisch gehalten werden. Ich hatte vor meinem Besuch in Spitzbergen nie etwas von diesem faszinierenden Ort gehört. Aber selbst nun wusste ich nicht ganz sicher, ob ich mir seine Existenz eher Mut machen sollte oder Angst.

 

 

In der Zwischenzeit waren die Planungen für den Nordpol-Marathon der aktuellen Wetterlage angepasst worden. Eine Schlechtwettervorhersage hatte Änderungen notwendig gemacht. Dem­nach musste das Rennen um einen Tag nach vorne verschoben werden, also bereits am nächsten Tag statt­finden. Die Akklimatisierung am Pol samt entsprechender Ruhephase würde entfallen, sodass der Start unmittelbar nach der Ankunft stattfinden sollte. Schlagartig stieg die Nervosität der Teil­nehmer. Umso froher war ich, dass in der Zwischenzeit auch der andere Österreicher im Hotel eingetroffen war. Alexander „Sascha“ Tauchhammer war mir in der Vorbereitungszeit in Wien zu einem treuen Begleiter geworden. Er hatte mich über Facebook kontaktiert, weil er in der Zeitung gelesen hatte, dass ich beim Nordpol-Marathon an den Start gehen wolle. Und nachdem er selbiges auch vorhatte, blieben wir von da an per Mail und telefonisch in Kontakt. Wir tauschten Gedanken und Tipps zur Vorbereitung aus und trafen einander einmal sogar persönlich. Sascha war auch der einzige, der mir in Wien wirklich Mut machen wollte und der mich immerzu ermunterte, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar. Daher war ich froh, ihn nun endlich auch in Spitzbergen an meiner Seite zu wissen. Wir verstanden einander prächtig, und das beflügelte meine Lebensgeister. Zu lachen gab es mit Sascha auch immer genug. In der Nacht vor dem Rennen war ich dennoch sehr nervös und konnte vor Aufregung kaum schlafen. Auch hatte ich nach dem Aufstehen wieder Schmerzen bei jedem Schritt. Keine gute Voraussetzung für einen Marathon. Meine einzige Hoffnung: Im Camp am Nordpol, so sagte man mir, solle es auch einen Arzt geben. Ich hoffte inständig, dass er mir weiterhelfen könnte. Nach einem üppigen Frühstück fuhren alle Teilnehmer gemeinsam zum kleinen, aber modernen Flughafen, wo eine weniger moderne russische Antonov AN-74 Transportmaschine auf uns wartete. Das alte Flugzeug schien den Charakter der Veranstaltung vorwegzunehmen: rau, hart, humorlos. Zwei Stunden und 15 Minuten später landeten wir schließlich nahe dem nördlichsten Punkt der Erde beim Camp Barneo, einer russischen Forschungsstation, die seit 2002 jeweils im April von der Russischen Geographischen Gesellschaft auf dem Treibeis in der Nähe des Nordpols errichtet wird. Das Camp besteht aus circa 10 bis 15 Zelten von verschiedener Größe und wird von Polarforschern aus der ganzen Welt als Basisstation verwendet. Spektakulär war nicht nur der Umstand, auf einer Landebahn aus Eis aufzusetzen. Spektakulär war alles an dieser unwirklichen Landschaft. Wohin das Auge blickte, sah man nichts als Weiß: bis zum Horizont flaches, kompaktes Eis, das in der hellen Sonne knisterte, nur manchmal unterbrochen von meterhohen, schimmernden Eisquardern. Darüber ein strahlender Himmel, dessen ungetrübtes, leuchtendes Blau unwillkürlich das Herz des Betrachters tiefer hinunterdrückte in die eigene Brust. Und dann die große, grenzenlose Stille, die über diesem menschenleeren Ort thronte. Ich konnte mich der Wirkung nicht entziehen. Was wir hier sehen durften, war so unglaublich schön, dass mich ein tiefer Schauer von Glück erfasste. Regungslos stand ich bei minus 35 Grad im Eis und fühlte nichts als Dankbarkeit dafür, dass dieser Traum nun wahr geworden war!  

 

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Paule Knete